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In
Hans-Magnus Enzensbergers späterer Rückschau auf den "Tumult"
von 1968 lag das "Utopische dieses Moments" darin, "dass
die unbewaffnete Produktivität des Künstlers ... ihre Entsprechung im
tausendfältigen Rumor einer ganzen Nation" gefunden habe.(anm.
1)
So wundervoll unbestimmt wie das Wort "Rumor", worin Geräusch
und Bewegung sich paaren, war die Sache selbst. Worum handelte es sich?
Um eine gärende, hypochondrische Unruhe jedenfalls, eine revolution of
rising exspectations, die sich springflutartig überkreuzte mit dem, was
man positiv einen Wertewandel genannt hat und negativ einen neuen Kulturpessimismus
oder Zivilisationsverdruss nennen könnte. Zum ersten Male, so die These
eines amerikanischen Soziologen, hätten die Jüngeren damals den Mangel
an Lebenssinn und Identität nicht mehr als persönliches Problem, sondern
als gesellschaftliches Unrecht empfunden und angeprangert. Seither habe
man begonnen "alles, was mit dem Selbstsein zu tun hat, als Politik
zu bezeichnen"(anm. 2). Eine weite Formel.
Dieser "Rumor" entzündete sich denn auch an keiner materiellen
Krise, sondern im Gegenteil an der erdrückenden Stabilität und Kontinuität
der Verhältnisse. Dabei war bei halbwegs nüchternem Urteil auch damals
zu erkennen, dass die "Große Koalition" (was ja ihr Zweck war)
eine Reihe überfälliger Reformen in Angriff nahm, die sozialen Sicherungssysteme
weiter ausbaute und erste Schritte einer neuen Ostpolitik einleitete.
Aber Nüchternheit war am wenigsten gefragt. Im Gegenteil, die westdeutsche
(Teil-)Nation war in eine Phase kollektiver Selbst(er)findung eingetreten.
Und das war in gewisser Weise eine künstlerische Situation. So fungierten
die Literaten und Künstler tatsächlich als Seismographen und Verstärker,
noch bevor der Rumor ganz an die Oberfläche getreten war.
Bereits im Mai 1967 hatte Enzensberger (in einem Artikel für britische
Leser) apodiktisch festgestellt, es gebe "in Deutschland keine organisierte
Opposition mehr". Der Souverän, das Volk, habe mit der "Großen
Koalition" jeden Einfluss auf die Regierung verloren. "Das Ende
der zweiten deutschen Demokratie ist absehbar." Um zu schließen:
"was auf der Tagesordnung steht, ist nicht mehr der Kommunismus,
sondern die Revolution". Das politische System der Bundesrepublik
sei nicht mehr reparabel: "Man kann ihm zustimmen, oder man muss
es durch ein neues ersetzen. Tertium non dabitur.(anm.
3)" Im Futurum, wohlgemerkt: Ein Drittes zwischen stumpfer Affirmation
und scharfer Revolution wird es nicht geben!
Ein halbes Jahr später griff der SPIEGEL diese These auf und veranstaltete
eine Umfrage unter 42 Schriftstellern und Intellektuellen mit dem plakativen
Titel: "Ist eine Revolution unvermeidlich?"(anm.
4) Und alle antworteten! Einige zustimmend, aber skeptisch (was die
Aussichten der Revolution betraf), einige verschärfend, andere abmildernd
(was die Alternative von Reform und Revolution betraf), und einige mit
ironischen Anmerkungen. So Hans Egon Holthusen, der lakonisch feststellte:
"Interessant an der Sache ist, dass die weitgehende Politisierung
der Literatur in den letzten Jahren zu einer Literarisierung der Politik
geführt hat."(anm. 5)
Karl-Heinz Bohrer hat diesen Aspekt – mit der Empathie eines eher konservativen
Beobachters – positiv aufgenommen, als er schrieb: Die von Enzensberger
herbeizitierte Revolution sei in Wirklichkeit nur eine Metapher für "das
'Kühne' schlechthin, ... das 'Schöne'". Wenn aber die Metapher die
wirkliche Revolution ersetze, "dann ersetzen Wörter Handlungen, dann
ist endgültig die große therapeutische Situation eingetreten: Wo nichts
mehr möglich ist, lässt sich alles denken"(anm. 6).
Bohrers Formel von der "großen therapeutischen Situation" lässt
an Mitscherlich oder Adorno denken – aber aus anderer, fast entgegengesetzer
Warte. Nicht um "Erziehung nach Auschwitz" und um eine kollektive
Selbstanalyse der "Unfähigkeit zu Trauern" ging es demnach –
sondern im Gegenteil um ein freies Flottieren der Assoziationen und Metaphern,
worin sich "alles denken lässt", ein Spiel mit Begriffen und
Bedeutungen, die auf einen weitgehend unbewussten Prozess der revolutionären,
sprich: literarischen Selbsterschaffung hinausliefen. Und darin mischten
sich Motive sehr unterschiedlicher Provenienz und gegensätzlicher Natur.
Das zeigte sich gerade bei jenen Künstlern und Intellektuellen,
die damals in einem Akt vermeintlicher revolutionärer Selbstabdankung
das "Ende der Kunst" oder den "Tod der Literatur"
proklamierten. Maler verbrannten öffentlich ihre dekadenten Bilder und
gelobten, fortan nur noch politische Kunst für die Massen zu machen. Schriftsteller
erklärten, die schöne Literatur sei elitär und nutzlos, ein bloßer "Zuckerguß
..., mit dem das unnötige Elend überzogen wird, um es genießbar zu machen"
(Yaak Karsunke), wenn nicht geradezu "Opium für das Volk" (Peter
Hamm). Die "Gruppe 47", die sich seit ihrer Gründung 1947 stets
als kritischengagiert betrachtet hatte und 1963 vom CDU-Geschäftsführer
Dufhues geradezu als die "geheime Reichsschrifttumskammer" einer
linken Tendenzliteratur denunziert worden war, löste sich 1967 unter dem
Druck der linksradikalen Studentenbewegung auf. Demonstranten hatten vor
der Tagungsstätte "Pulvermühle" in Sprechchören gerufen: "Dichter!
Dichter!" Das war jetzt ein Schimpfwort geworden.
Die Art und Weise, wie die einzelnen Autoren versuchten, mit der Zeit
zu gehen, fiel immerhin recht unterschiedlich aus. Peter Weiss versuchte
sich noch einmal in emphatischbelehrendem, großem Revolutionstheater.
Martin Walser verkündete "Engagement als Pflichtfach" jedes
Schriftstellers, wollte aber nur an dessen Werken ablesen lassen, ob einer
wirklich "Zeitgenosse war" oder nicht. Eine Reihe meist jüngerer
Autoren erkannte dagegen nur noch ungeschminkte "Agitprop" und
den Massen verständliche "Kampftexte" im Partei- oder Bewegungsrahmen
als legitime Form schrift-stellerischer Betätigung an.(anm.
7)
Enzensberger setzte dem, wie meistens, die Krone auf. Statt gegen "die
Verfasser schmaler Bändchen", müsse das Feuer der Kulturrevolution
doch wohl vor allem gegen "die mächtigen kulturellen Apparate"
gerichtet werden. Die "Bewußtseins-Industrie" – die er als "die
eigentliche Schlüsselindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts" bezeichnet
hatte(anm. 8) – bedürfe der Künstler und Literaten
schon längst nicht mehr. Diese sollten sich daher am besten begrenzte,
aber nützliche Arbeiten vornehmen, wie zum Beispiel Wallraffs "Industriereportagen",
Nirumands Persien-Buch oder Meinhofs politische Kommentare.
"Die politische Alphabetisierung Deutschlands ist ein gigantisches
Projekt. Sie hätte ... mit der Alphabetisierung der Alphabetisierer zu
beginnen."(anm. 9) Angesichts der neuen, elektronischen
Medien und ihrer potentiellen Fähigkeit, "einen jeden zum Sprechen
[zu] bringen", werde der antiquierte Akt des Schreibens bald vielleicht
ganz hinfällig werden. Dann werde der Autor vollends "als Agent der
Massen" zu arbeiten haben. "Gänzlich verschwinden kann er erst
dann in ihnen, wenn sie selbst zu Autoren, den Autoren der Geschichte
geworden sind."(anm. 10)
Liest man diese Utopien einer Verschmelzung von Literatur und Politik
gegen den Strich, war schnell klar, dass hinter den Gesten vorgeblicher
Selbstbescheidung ein neuer, hybrider Anspruch steckte: die "politische
Alphabetisierung" der Massen vermittels eines Autors, der als ihr
Alphabetiseur und "Agent" sie befähigte, selbst zu sprechen
und ihre Geschichte zu machen. Dieter Wellershoff hat schon damals diese
Vorstellungen als eine romantischelitäre Sehnsucht dechiffriert, die arbeitsteilige
Gesellschaft wieder durch Formen unmittelbarer Gemeinschaft zu ersetzen.
Im Hohn auf die angeblich folgenlose Literatur komme das alte intellektuelle
Unbehagen an der Anonymität des Marktes wieder zum Ausbruch – "und
zwar umso bitterer, je offener der Markt für oppositionelle, vermeintlich
tabuverletzende oder formal ungewohnte Produkte geworden ist". Der
Versuch, sich zum Sprecher, Agenten und Übersetzer einer politischen Bewegung
aufzuschwingen, falle daher mit dem Bemühen zusammen, sich als Schriftsteller
in einer neuen Medienwelt zu behaupten, die ihre "Mikrophone und
Kameras an ihn herangeschoben" hat und "die ihm, wie allen interessanten
Personen ... das Angebot macht, dauernd in ihr anwesend zu sein."(anm.
11)
Eine prophetische Beobachtung. Denn im Nachhinein
ist deutlich zu sehen, dass die revolutionär auftretende Jugendbewegung
dieser Jahre mit ihren permanenten Demonstrationen und Provokationen der
halb bewusste, halb unbewusste Vorreiter einer rapiden Medialisierung
und Inszenierung von demokratischer Politik war, die seitdem zu ihrem
Signum geworden ist. Fast wirkte die Protestbewegung wie eine einzige
Abfolge von Happenings, weshalb Happening-Künstler wie Josef Beuys, Wolf
Vostell und Bazon Brock hier erst ihr eigentliches, breites Wirkungsfeld
fanden. Noch stärker war das im Pariser Mai der Fall, der unter Parolen
wie "Die Phantasie an die Macht" oder "Seid Realisten,
verlangt das Unmögliche" wie eine eine einzige "Synästhesie
des Protestes" (M. Jeismann) wirkte, worin Farben und Töne, Parolen
und Banderolen, Rythmen und Bewegungen zu einer theatralischen Gesamtinszenierung
verschmolzen. Kein Wunder also, dass die aus ihrer angestammten Rolle
einer "kritischen Gegenöffentlichkeit" verdrängten, von Statusängsten
geplagten Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen der mittleren Generation
sich mehrheitlich kopfüber in diesen Jungbrunnen stürzten.
Umgekehrt vermochten sie den Studenten erst den Resonanzraum zu schaffen,
der ihre Proteste zum Katalysator einer Vielzahl heterogener gesellschaftlicher
Bewegungen werden ließ. Von ihnen übernahmen die Jüngeren den Gestus des
Außenseiters, der "das sicherste Kennzeichen des Insiders" (Dagmar
Barnouw) geworden war. In Sprechchören wurde das emphatisch beschworen:
"Wir-sind-eine-kleine-radikale-Minderheit!" Dabei bezog man
einen Gutteil seines Selbstbewußtseins längst aus dem Gefühl, von einer
breiten gesellschaftlichen Strömung getragen zu sein, die sich phantasmagorisch
bis in planetarische Dimensionen hinein erweitern ließ. Die wütenden bis
hysterischen Reaktionen des "Establishments", von Kiesinger
bis Springer, verliehen ein gesteigertes Gefühl von Macht und Bedeutung.
Das spekulative Interesse der liberalen Sympathisanten und des breiten
Publikums tat ein übriges.
Tatsächlich waren die publizistischen Organe und das sympathetische Umfeld
dieser neuen "Außerparlamentarischen Opposition" den angeblich
so übermächtigen Medienapparaten ihrer Gegner ja keineswegs unterlegen,
auch wenn das nicht auf derselben Ebene spielte. SPIEGEL, STERN, ZEIT
und FRANKFURTER RUNDSCHAU boten den Sprechern der APO eine ständige Tribüne,
und ihre Herausgeber Augstein, Nannen, Bucerius und Gerold unterstützten
die Bemühungen der Anti-Springer-Fronde moralisch wie materiell, vor oder
hinter den Kulissen. Im Resultat aller Kampagnen und Proteste war Springer
deutlich angeschlagen und musste mehrere Zeitschriften seines Konzerns
an die sozialliberale Konkurrenz verkaufen.
Als bewegungsnähere Organe hatten sich das Politmagazin KONKRET und die
Satirezeitschrift PARDON zu linken Publikums-Zeitschriften mit jugendlicher
Leserschaft und Auflagen von zeitweise 150-200.000 entwickelt. Aber eine
Auflage von 100.000 Exemplaren erreichte Ende der 60er, Anfang der 70er
Jahre auch das von Enzensberger 1965 begründete und redigierte KURSBUCH
– für eine intellektuelle Zeitschrift fast unglaublich. Hinzu kamen ein
halbes Dutzend weiterer literarisch-politischer Zeitschriften, die im
Vorfeld der Bewegung begründet worden waren, wie ARGUMENT, ALTERNATIVE,
KÜRBISKERN oder NEUE KRITIK.
Damit gingen eine ganze Reihe erfolgreicher Verlagsgründungen einher,
insbesondere WAGENBACH und VOLTAIRE in Berlin, NEUE KRITIK und MÄRZ in
Frankfurt, PAHL-RUGENSTEIN in Köln oder TRIKONT in München. Einige bestehende
Verlage wie die EUROPÄISCHE VERLAGSANSTALT (EVA) lebten für ein bis anderthalb
Jahrzehnte ganz überwiegend von Texten, die den Zwecken einer neomarxistischen
"Theoriebildung" dienten. Weitaus bedeutender war aber die Tatsache,
dass nahezu alle großen Publikums-Verlage, von SUHRKAMP bis FISCHER, von
ROWOHLT bis ULLSTEIN, von LUCHTERHAND bis KIEPENHEUER & WITSCH, ihre
Programme in einem erheblichen Segment auf die Bewegung ausrichteten.
Mit Marxismus, Leninismus, Trotzkismus, Maoismus, Anarchismus, Kritischer
Theorie, Drittwelt-Literatur, Faschismustheorien, Psychologie und Pädagogik
waren hohe Auflagen zu erzielen. Aber auch sektiererische Bewegungs-Texte,
wie "Kommune II – Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums"
oder "Schülerladen Rote Freiheit", epigonale Schreibversuche
in der Taschenbuchreihe "Literatur der Arbeitswelt" sowie vom
Zeitjargon aufgeblähte Elaborate über "Bildungsökonomie" und
ähnlich verwickelte Spezialthemen gingen weg wie warme Semmeln. Der Theorie-
und Begriffshunger, die Nachfrage nach Sinn und Orientierung überstieg
bei weitem alles, was die noch so eifrigen Skribenten und Verleger heranschaffen
konnten.
Ein Markt für sich waren die (über Büchertische verkauften) Raubdrucke
und Reprints, vor allem Texte aus den Links- und Exilverlagen der zwanziger
und dreißiger Jahre oder vergriffene Schriften wichtiger Theoretiker,
die – wie die Texte des freudo-marxistischen Sexologen Wilhelm Reich –
in hohen Auflagen verbreitet wurden. Es dauerte nicht lange, bis die großen
Verlage mit billigen Reprints ihrerseits in dieses Geschäft einstiegen.
Als ein weiteres, eigenes Segment des Buchmarktes im "Roten Jahrzehnt"
wären die ab 1966/67 en masse importierten, auf hauchdünnem Reispapier
schön gedruckten Mao-Bibeln, Propaganda-Broschüren und Zeitschriften aus
China zu nennen, die anfangs direkt bei der Ostberliner Botschaft besorgt
wurden und von deren Verkauf Teile der Szene (etwa die Kommune 1) eine
Zeitlang lebten, bevor das zum Privileg der maoistischen Parteien und
Bünde der 70er Jahre wurde. Auch die Führer der Kommunisten Albaniens
und Nordkoreas suchten und fanden Leser ihrer esoterischen Schriften.
Die Herausgabe der Gesammelten Werke Kim Il-Sungs war eine der editorischen
und kommerziellen Gründungstaten des von K.D. Wolff betriebenen Frankfurter
Verlags ROTER STERN.
Im Gefolge der Legalisierung der DKP wurden ab 1968/69 bedeutende Kontingente
an DDR-Bücher zu hochsubventionierten Kampfpreisen in die Bundesrepublik
exportiert, angefangen mit den berauschend nach Druckerschwärze duftenden,
per se klassisch wirkenden "Blauen Bänden" der MEW (Marx/Engels-Werke)
über die in orthodoxes Braun gebundenen Lenin-Werke (LW) bis hin zu dickleibigen
Lehrbüchern der Geschichte und Philosophie oder den SED-Standardwerken
der Faschismustheorie und Gegenwartsanalyse (wie "Imperialismus heute").
Sie alle wurden weit über den engeren politischen Sympathisantenkreis
hinaus studiert und geschult.
Diese breite Resonanz wäre nicht denkbar gewesen
ohne die Neugierde und Verunsicherung des bürgerlichen Publikums, das
doch das Hauptobjekt dieser radikalen Kritik war. Nach allen Klagen und
Diskussionen über die "deutsche Bildungskatastrophe" war es
nun ausgerechnet die "studierende Jugend", die sich an die Spitze
einer radikal erneuerten Kultur- und Gesellschaftskritik setzte. Das weckte
inmitten aller Verunsicherungen und Aggressionen auch unklare Erwartungen.
In derselben Ausgabe des Wirtschaftsmagazins CAPITAL, die Dutschke auf
dem Titel trug, beklagte ein Personalberater die Erschöpfung der noch
im Dritten Reich und im Weltkrieg geschulten Führungseliten der deutschen
Wirtschaft und malte ein pessimistisches Bild des zur Verfügung stehenden
jüngeren pool of candidates. Diese jungen Leute seien gar nicht mehr in
der Lage, "über das Geldverdienen, über das Kaufmännische" hinauszublicken.
Aber, so schloss der Beitrag, "vielleicht kommen aus den Dutschke-Kreisen
neue Impulse".(anm. 12)
Oskar Negt berichtet über eine Veranstaltung im Frankfurter Zoogesellschaftshaus
im Februar 1968, zu der ein Kreis von Jungmanagern im Umkreis der Dresdner
Bank ihn und den SDS-Sprecher Frank Wolff eingeladen hatte. Im erwartungsvoll
dreinblickenden Publikum saßén auch höhere Offiziere in Uniform und ganze
Familien mit Söhnen und Töchtern. Statt der erwarteten feindseligen Diskussion
gab es im Anschluss an die Referate neugierige Nachfragen: "Wie wir
uns die neue Gesellschaft, welche die APO doch erstrebe, vorstellten?
Ob Rätedemokratie denn eine wirklich praktizierbare Alternative zur gegenwärtigen
bürgerlichrepräsentativen Demokratie sei? Wie man revolutionäre von reaktionärer
Gewalt zu unterscheiden habe? ... Wie es zu verstehen sei, dass internationale
Solidarität auch Opfer der reichen Länder erforderlich mache?" (anm.
13)
Es gibt vielerlei Berichte und Erfahrungen dieser Art. Ende März, Anfang
April 1968, anscheinend vor dem Dutschke-Attentat und den Osterunruhen,
auf die er keinen Bezug nimmt, hielt mein Vater im Rotary-Club in Gelsenkirchen
einen Vortrag über "Die geistige Unruhe in Ost und West und ihre
Hintergründe". Angesichts der vielen erregten Diskussionen und Wortwechsel,
die wir damals hatten, war der Text, als ich ihn nach seinem Tod las,
eine Überraschung – aber auch nur eine halbe. Im Semester zuvor hatte
er erfahren, dass ich mittlerweile SDS-Aktivist war, und beschwor mich,
"nicht denselben Fehler zu machen", den er gemacht habe, als
er 1931 (im gleichen Alter) dem NSDAP-Studentenbund beigetreten war. An
diesem Vergleich erbitterte mich natürlich alles, am meisten aber das
identifikatorisch Vereinnahmende. Ich entgegnete scharf, dass ich "genau
das Gegenteil" dessen tue, was er damals getrieben habe, und zwar
"gerade deswegen" (wegen ihm also, wegen 1933, wegen alledem)–
was er mit einer resigniert-wegwerfenden Handbewegung quittierte. Die
Rede vor seinen Rotariern dürfte also auch eine nicht gehaltene Ansprache
an den Sohn gewesen sein.
Die Ansichten, die er hier entwickele, so begann der Vortrag meines Vaters,
würden sicherlich auf Widerspruch stoßen. Aber das müssten die Rotarier
ihren "Grundsätzen der Toleranz und Liberalität" folgend wohl
gelten lassen. Wie in der CSSR, Polen, Spanien und den USA sei nun auch
"die Unruhe in der westdeutschen Studentenschaft zu einem Politikum
geworden" – und das "inmitten einer scheinbar befriedeten Gesellschaft".
Zwar seien die radikalen Aktivisten nur wenige, aber Umfragen und AStA-Wahlen
bewiesen, dass eine immer größere Anzahl der Studenten sich von ihnen
repräsentiert fühle. Das ganze sei schon ein bisschen tragikomisch: da
habe man nun jahrelang das politische Desinteresse der Jugend beklagt
– und jetzt, da sie aktiv geworden sei, reagiere man allergisch!
Wenn man ihren Anarchismus beklage, dann erinnere ihn das allerdings "an
den Aufstand einer früheren Studentengeneration" vor 150 Jahren,
die nach den Befreiungskriegen "gegen die etablierte Macht der Fürsten
und Könige" aufgestanden seien – der Burschenschaften also, die sich
1848 mit den Aufständen der Demokraten solidarisiert hätten. (Er selbst
war "alter Herr" einer Bonner Burschenschaft, ohne noch einen
seiner Söhne dafür "keilen" zu können.) Auch heute empfinde
eine junge Intelligenz zutiefst "die gesellschaftliche Unwahrheit"
unserer Gesellschaftsordnung, die zwar einen hohen Lebensstandard gewähre,
aber einen jeden auf sich selbst zurückwerfe und vereinzele. Sie registriere
sehr genau, "dass die politische Willensbildung manipulierbar ist"
und dass die Möglichkeiten rationaler gesellschaftlicher Mitwirkung und
Steuerung sehr begrenzt seien. Das verbinde im übrigen ihren Protest
mit dem Aufstand der jungen Intelligenz des Ostens, die "gegen eine
abstrakte menschen- und geistfeindliche Bürokratie" revoltiere. Und
dasselbe Bild in General Francos Spanien.
Gewiss, diese Jugendrebellion grenze teilweise an Anarchismus und Nihilismus,
oder es bildeten sich Gruppen, die einem "antizivilisatorischen Naturalismus"
huldigten, wie Gammler, Hippies und Kommunarden. Aber das alles sei wohl
auch "ein Sich-Auflehnen gegen eine Gesellschaft, die die jüngste
deutsche Geschichte überlebt hat, ohne in der Tiefe erschüttert zu sein".
Der Protest richte sich gegen "die brutale und entmenschlichende
Tendenz unserer modernen technologischen Massengesellschaft". Für
eine bessere und menschlichere Welt setzten die jungen Leute in Ost und
West sich mit beträchtlichem Mut ein – und darin liege sogar die Hoffnung
einer Überwindung der sich feindlich gegenüberstehenden Systeme. Ja, angesichts
einer "in stupiden Materialismus abgeglittenen Gesellschaft"
sei "die studentische Bewegung eine menschliche Bewegung schlechthin"!
Wie gut ich das kannte – seine Art, alles in feierliches Wohlwollen, schlechthin
Menschliches, gesellschaftlich Fragwürdiges und ansonsten in geschichtliche
Tragik aufzulösen, wo doch eher Genauigkeit der Beschreibung und der Selbstbefragung
gefordert gewesen wäre. Aber ganz entsprechend ungenau, pathetisch, überformatig
und global fiel auch meine Opposition dagegen aus. In vielem glich sie
einer langen Flucht aus einer fürsorglichen Belagerung.
Das Problem unserer "Vaterlosigkeit" (Alexander Mitscherlich)
war dieser unaufhebbare Kern von Unsicherheit und Entwertung in der Lebensgeschichte
der Eltern, der sich mal in hohlem Autoritarismus, mal in sturer Selbstgerechtigkeit,
mal in ängstlich werbender Überfürsorge und mal in identifikatorischer
Einvernahme ausdrückte. Was so oder so dazu beitrug, dass wir uns ihrem
Einfluss unaufhaltsam entzogen.
Hinter allen generationellen Konflikten, Abgrenzungen
und Oppositionen werden aus der historischen Distanz auch subtile Gemeinsamkeiten
sichtbar. So musste der immer brutaler eskalierende Vietnam-Krieg der
USA auch bei der Kriegsgeneration Erschütterung auslösen. Die Flächenbombadements
aus B-52-Bombern weckten Reminiszenzen, die so eindeutig waren, dass sie
nicht einmal ausgesprochen werden mussten.
Ein weiteres Motiv, das Zweifel an der inneren und äußeren Politik der
parlamentarischen Mehrheitsparteien säte, war der durch den Mauerbau erschütterte
Glaube an die Möglichkeit, die deutsche und europäische Teilung zu überwinden.
In ganz verschiedenen politischen Spektren nistete sich der Zweifel ein,
ob nicht tatsächlich – wie die antiautoritären APO-Führer behaupteten
– die beiden Führungsmächte USA und UdSSR nach der Berlin- und Kubakrise
ein stillschweigendes Arrangement zur Aufteilung der Welt getroffen hatten.
Würde ein "Wandel durch Annäherung", wie ihn Egon Bahr 1963
zum ersten Mal propagiert hatte und die Außenminister Schröder und Brandt
in ersten, vorsichtigen Schritten einer "neuen Ostpolitik" zu
praktizieren versuchten (gestützt nicht zuletzt auf die Schwerindustriellen
an Rhein und Ruhr, die auf lukrative Ostgeschäfte hofften), nicht unweigerlich
auf den Widerstand der USA treffen?
Bei meinem Vater kam die Erfahrung der Welle von Zechenschließungen im
Ruhrgebiet hinzu. Zwei Jahre zuvor war die von ihm technisch geleitete,
hoch moderne Zeche "Graf Bismarck" vom amerikanischen Ölkonzern
Texaco aufgekauft und stillgelegt worden – zugunsten einer ganz aufs Öl
und den Dollar ausgerichteten Weltwirtschaft. Nach zwei Jahrzehnten euphorischer
Hochbeschäftigung im festen Rahmen einer europäisch integrierten Montanindustrie
war das ein jäher, brachialer, auch persönlicher Absturz. Er hatte nur
noch seinen eigenen Betrieb stillzulegen (oder "abzuwickeln",
wie das zwanzig Jahre später beim Abbruch der alten DDR-Industrien hieß).
Und war die Krise des Kohlebergbaus nicht womöglich nur Vorläufer viel
tiefer greifender Struktur- und Konjunkturkrisen?! War das ganze "Wirtschaftswunder",
das nach der vielzitierten Formel von Helmut Schelsky angeblich eine "nivellierte
Mittelstandsgesellschaft" ohne gravierende soziale Widersprüche hervorgebracht
hatte, nicht vielleicht nur das Vorspiel einer neuen, noch tieferen Weltwirtschaftskrise
als der von 1929/30? Kurzum, das hypochondrische Lebensgefühl, dass der
ganze Wohlstand nur eine Fassade sei und sich auf irgendeine Weise als
"faul" und "unwahr" erweisen werde – auch dieses Lebensgefühl
dürfte die Kriegs- mit der Nachkriegsgeneration geteilt haben.
Ein Bestseller der Jahre 1968/69 in Frankreich wie in Deutschland war
Servan-Schreibers "Die amerikanische Herausforderung", der die
These entwickelte, dass Europa dabei sei, zu einer Halbkolonie der transnationalen
US-Konzerne herabzusinken. Fragen der Außenpolitik, der Weltwirtschaft
und des brain drain, des angeblichen Ausverkaufs der europäischen Intelligenz,
vermischten sich mit kulturpessimistischen Betrachtungen über den Einbruch
der Massenmedien, die Allmacht von Hollywood, die entfesselnden Wirkungen
der Rockmusik, die "Sexwelle" oder den wachsenden Drogenkonsum
– was alles zu Recht oder Unrecht mit Amerika und der "Amerikanisierung"
Europas in Verbindung gebracht wurde.
Auf diesem Hintergrund schien der Aufbruch der "unterdrückten Nationen"
den Europäern, und gerade den kolonial weniger belasteten Deutschen, neue
Chancen zu bieten. Vor allem das China Mao Tsetungs und der Aufmarsch
der Roten Garden weckten im bürgerlichen Publikum neben diffusen Ängsten
auch einige Bewunderung. Sobald das nach den Jahren des offenen Bürgerkriegs
wieder möglich war, reisten im Strom der revolutionären China-Traveller
auch eine ganze Reihe prominenter konservativer Autoren und Politiker
mit, wie der deutschnationale Publizist Klaus Mehnert, der Gaullist Alain
Peyrefitte, der CSU–Vorsitzende Franz–Josef Strauß oder der Chefredakteur
der WELT, Herbert Kremp - und waren von allem, was sie sahen, hörten und
gezeigt bekamen, durchwegs beeindruckt, vor allem vom angeblichen "Gemeinschaftsgeist"
und der unbedingten Hingabe an die Sache von Volk und Nation.(anm.
14)
Das alles trug dazu bei, dass die "Außerparlamentarische
Opposition" und Jugendbewegung als Katalysator politischer Neuorientierungen
quer durch alle traditionellen weltanschaulichen Spektren hindurch wirkte.
Ein nicht geringer Teil der Aktivisten kam aus ursprünglich rechten Parteien
und Gruppierungen. Bernward Vesper, der Sohn des Nazi–Dichters Will Vesper,
wäre hier zu nennen. Oder Horst Mahler, der Burschenschafter war, bevor
er zur neuen Linken stieß. Der prominenteste Fall war Hans-Jürgen Krahl.
Der Darstellung seines bürgerlichen "Klassenverrats" zufolge,
die er 1969 vor den Schranken eines Gerichts in Gestalt eines wahren Bildungsromans
lieferte, hatte er sich von der Deutschen Partei über die Welfenpartei
und den antisemitischen Ludendorffbund zur Jungen Union bewegt, war bei
Studienbeginn einer schlagenden Korporation beigetreten, dort rausgeworfen
worden, und hatte erst die "imperialistisch abenteuernde Philosophie"
Heideggers vollends bewältigen müssen, um endlich "zur marxistischen
Dialektik übergehen" zu können und im SDS zu erfahren, "was
es heisst: Solidarität".(anm. 15)
Über solche Einzelkonversionen hinaus orientierte sich – wie schon in
der früheren Kampagne "Gegen den Atomtod", in der rechte und
linke Nationalneutralisten zusammengewirkt hatten – ein ganzes Segment
ursprünglich weit rechts orientierter Gruppen und Personen statt an der
NPD an der entstehenden APO, so die AUD (AKTIONSGEMEINSCHAFT UNABHÄNGIGER
DEUTSCHER) um August Haußleitner. Oder da war der Romancier, Freikorpsveteran
und Rathenaumörder Ernst von Salomon, der in der Umfrage des SPIEGEL erklärte,
"zu einem revolutionären Signal" würde der Jugendprotest gegen
Bombe und Vietnamkrieg "erst reifen, wenn er den Willen zu einem
Bürgerkrieg in sich schlösse".(anm. 16) Er musste
es wissen.
Zu den irrlichternd bewegten Schwarmgeistern, die sich in diesen Jahren
im Umkreis der APO bewegten, gehörten auch einige, die kurz darauf – und
keineswegs als "Renegaten" – auf der extremen Rechten landeten.
So zum Beispiel der "Reichsverweser", Auschwitzleugner und Rechtsterrorist
Manfred Roeder, der sich uns in den späten 80er Jahren im Frankfurter
PFLASTERSTRAND aus dem Gefängnis heraus als "Aussteiger" präsentierte
und – insoweit glaubhaft – versicherte, erst durch Dutschke und die Studentenbewegung
1967/68 aus seiner bürgerlichen Anwaltskarriere gerissen und "radikalisiert"
worden zu sein.(anm. 17) Ähnliches war offenbar beim
verstorbenen Begründer und "Führer" der bundesdeutschen Neonazi-Szene
Michael Kühnen der Fall, der sich (seiner eigenen Fama zufolge) um das
Jahr 1970 herum noch als Sympathisant maoistischer Gruppen betätigt haben
will.
Selbst die "alte Rechte" entlieh sich bei der APO einen Teil
ihres zeitgemäß aufgefrischten kulturkritischen und antikapitalistischen
Vokabulars: "Demgegenüber haben liberale Kreise einen versteckten
Totalitarismus entwickelt, dem es erstmals gelungen ist, auch in die intimen
Bereiche der Familie, Sexualität usw. vorzudringen. Dieser liberale Totalitarismus
billigt dem Individuum zwar Freiheiten zu, beraubt es aber zugleich jeder
Möglichkeit, von ihnen Gebrauch zu machen. Durch Massenmedien (Fernsehen,
Rundfunk, Presse) verbreitet er seine 'Leitbilder', die ebenso anziehende
wie unerfüllbare Erwartungen beinahe widerstandslos in die intimsten Bereiche
hineintragen. Die relative Gewaltlosigkeit dieses Totalitarismus erhöht
seine Wirksamkeit, da sich seine Opfer ... 'frei' fühlen." Dieser
Kritische-Theorie-Verschnitt stammte aus dem "Politischen Lexikon",
Stichwort "Totalitarismus", das seit dem Herbst 1966 im NPD-eigenen
Schütz Verlag Göttingen als Loseblatt-Sammlung herauskam.(anm.
18)
Überhaupt wäre das politische Tableau dieser Jahre
nicht vollständig ohne die vielfachen Überkreuzungen zwischen dem stürmischen
Aufkommen der APO auf der Linken und dem zeitgleichen Aufstieg der 1965
neugegründeten NPD auf der Rechten, die bei Landtagswahlen zwischen 1966
und 1969 regelmäßig 5 bis 10 Prozent der Stimmen erhielt. Dabei konnte
von politischen Gemeinsamkeiten keine Rede sein, im Gegenteil, die NPD-Versammlungen
waren ein Hauptobjekt der Attacken der APO-Aktivisten, und die Unterstellung,
dass die NPD mit ihren landsknechtsmäßigen Ordnertruppen unter dem Schutz
und mit geheimer Einwilligung der staatlichen Behörden agiere, ja, dass
im Auftauchen der NPD die bürgerliche Ordnung auf ihren Begriff komme,
war eines der zentralen Verschwörungs-Ideologeme der Linken.
Deshalb entgingen ihnen eine Reihe unangenehmer Ähnlichkeiten und Parallelen,
vor allem in der Einschätzung der Weltlage und der Außenpolitik. "Die
Teilung der Welt in zwei Herrschaftsbereiche war das Ziel der beiden Sieger
des Zweiten Weltkrieges. Ihrer Vorherrschaft sollen die Völker der Welt
unterworfen bleiben", hieß es etwa im NPD-Programm von 1965, aber
diese "Politik der Aufteilung der Welt durch den amerikanischen und
den sowjetischen Imperialismus wird scheitern, wenn der Wille der unterdrückten
Völker" ihnen widerstehe. Durch die Spaltung des Kontinents werde
"ein Teil Deutschlands und Europas kommunistisch verformt, der andere
Teil amerikanisiert". Gemeinsam müssten die Europäer sich gegen die
Beherrschung und Besatzung durch "raumfremde Mächte" wehren,
sich der Fesseln von NATO und Warschauer Pakt entledigen und jeglichen
Dienst "als Söldner fremder Interessen" verweigern, insbesondere
beim "schmutzigen Krieg" in Vietnam.(anm. 19)
Trotz aller antikommunistischen Ausfälle richtete der Hauptschlag der
NPD-Propaganda sich eindeutig gegen die USA. Diese hätten das deutsche
Volk mit "einer Welle von Kriminalität und Sex" überzogen und
damit einen "nationalen Notstand" hervorgerufen, der umso gefährlicher
sei, als "wir dem kommunistischen Osten konfrontiert sind, wo man
mit derartigen Zersetzungserscheinungen fertig zu werden versteht"
– so der Vorsitzende Adolf von Thadden in seiner Parteitagsrede im November
1967.(anm. 20)
Diese imaginären Optionen eines deutschen Hyper-Gaullismus im Bündnis
mit China und der Dritten Welt ließen sich letzten Endes nicht durchdeklinieren.
So wurde in Konkurrenz zu den Anfängen einer "neuen Ostpolitik"
stattdessen eine nationale Politik der großen Angebote an die Sowjetunion
aus dem Hut gezaubert, die nicht zufällig gerade im Sommer 1968 vor und
während des Einmarschs in die CSSR in der Vorstellung eines deutsch-russischen
Kondominiums kulminierte. Statt in Völkerbefreiung, wurde nun in Neo-Bismarckischer
"Realpolitik" dilettiert: "Ein neues Deutschland und das
neue Europa haben die Aufgabe, gegebenenfalls Russland den Rücken zu decken
... Zu dieser Aufgabe gehört es, dass einst durch Deutschland und das
ganze Europa die Russlandhasser in Mitteleuropa ebenso gezügelt werden,
wie es Bismarck mit Österreich tat, und dass dogmatische Liberalisierungsapostel
mit Heilsaufträgen gegen Russland ebenso zurückgehalten werden, wie Bismarck
den ideologischrußlandfeindlichen Liberalismus ... zurückgehalten hat".(anm.
21) Entsprechend gehässig wurden die "Liberalisierungsapostel"
des Prager Frühlings bespöttelt. Und wenn die NPD dem Einmarsch auch nicht
geradezu applaudieren wollte, so wurde er doch als "ein Meisterstück
militärischer Vorbereitungsarbeit" gerühmt.(anm.
22)
Diese krude Mixtur aus Bismarck, Ribbentrop und de Gaulle ergab natürlich
keine irgendwie konsistente Linie. Nicht zuletzt daran sind die nationalen
Rechtsparteien der Nachkriegszeit – trotz kurzlebiger Wahlerfolge – nacheinander
sang- und klanglos gescheitert. Was sie suchten (das Reich), war perdu.
Und ein Weg, es wiederzuerrichten, ließ sich auch mit dem abenteuerlichsten
Strategie-Mix nicht mehr weisen.
Daneben gab es bereits wenige Jahre nach 1968 die
ersten echten Renegaten der Neuen Linken, die zu politischen Konvertiten
wurden: Günther Maschke zum Beispiel, der nach Jahren eines frühen Aktivismus
in der "Subversiven Aktion" und Vor-APO sich als Deserteur nach
Kuba absetzte, dort sein Damaskus erlebte, und seitdem als intellektueller
Ultra-Reaktionär nach dem Vorbild seines weltanschaulichen Kronzeugen
Carl Schmitt in stolzer Isolation verharrt.(anm. 23)
Oder der Hamburger SDS-Sprecher Reinhold Oberlercher, der sich 1968/69
noch als maoistischer Ultra gerierte, um Mitte der siebziger Jahre auf
monomane politisch-philosophische Großabrechnungen mit "der Frankfurter
(Juden-)Schule" und mit der "Konfrontation von jüdischem und
deutschem Geist" in der 68er-Bewegung umzuschalten – eine Verteidigung
von "1968" aus dem Geist eines neuvölkischen Fundamentalismus.(anm.
24)
Das letzte Dokument dieser rechts gewendeten Rückinterpretationen ist
die "Kanonische Erklärung", die Oberlercher, Maschke und Mahler
Ende 1998 verfasst haben. "Die Kulturrevolution von 1968 war die
erste Weltrevolution gegen den Kapitalismus", heißt es da, aber bereits
"der zweite deutsche Revolutionsversuch gegen die Weltherrschaft
des Kapitals" – nach dem ersten Revolutionsversuch von 1933 nämlich.
Die RAF sei eine Art "Waffen-SDS" gewesen, die mit dem ehemaligen
SS-Mann Schleyer einen Verräter der "nationalrevolutionären Volksgemeinschaft"
(man kann schließen: zu Recht) liquidiert habe. In Wirklichkeit habe das
deutsche '68 zugleich aus einer Neuen Linken und einer Neuen Rechten bestanden,
die vereint waren in der "Idee einer Internationale der Nationalrevolutionäre".
Nichts könne daher verfälschender sein als die Behauptung, die rot-grüne
Regierung repräsentiere den "Machtantritt der 68er Ideen". Im
Gegenteil habe sie diese Ideen verflacht und verraten! Der wahre Erbe
von 1968 sei die neueste Neue Rechte, die sich nach dem Zusammenbruch
des Kommunismus und der deutschen Wiedervereinigung nun verstärkt gegen
Amerikanismus und Kapitalismus wenden und damit auch das Erbe der Neuen
Linken in sich aufnehmen könne ...
So sehr es einem widerstrebt: Könnte es nicht sein, dass dieses postnationalsozialistische
Manifest "den unangenehmen Beigeschmack von Wahrheit" hat (wie
Karl Kraus einmal über das Wort "Familienbande" gesagt hat)?
Schließlich wird auch aus ganz anderer, kritischer Perspektive der Neuen
Linken immer wieder nachgesagt, dass es in ihrer Politik, Ideologie und
Motivstruktur eine starke, womöglich dominierende nationale und antiwestliche
Unterströmung gegeben habe.(anm. 25) Und warum sollte
man es unbedingt bestreiten wollen, wenn ein so reflektierter Analytiker
der damaligen Bewegung wie der frühere Dutschke-Gefährte und SDS-Führer
Bernd Rabehl neuerdings erklärt, er (Rabehl) habe mit dem Widerstand gegen
den Vietnamkrieg und dem Eintreten für eine sozialistische Revolution
schon immer auch das Ziel einer "nationalen Befreiung" Deutschlands
von amerikanischer und sowjetischer (russischer) Vorherrschaft und kultureller
Prägung verbunden? Tatsächlich finden sich in Rabehls Schriften aus dieser
Zeit dafür etliche Hinweise – auch wenn solche nationalrevolutionären
Untertöne stets von Deklarationen eines flammenden Internationalismus
überdeckt waren.(anm. 26)
Eine ganz andere Frage ist aber, ob es Sinn macht,
diese Bewegung insgesamt retrospektiv zu einem "nationalrevolutionären"
Unternehmen umzudeuten, dessen wahres Ziel es – etwa mit dem Berliner
Vietnam-Kongress – gewesen sei, "Keimformen einer europäischen Befreiungsfront
zu legen, um die Großmächte und ihre Kollaborateure aus Zentraleuropa
zurückzudrängen", wie Rabehl in seiner berühmt-berüchtigten, extemporierten
Rede vor der Burschenschaft "Danubia" im Dezember 1998 freiweg
behauptet hat.
Vielleicht wäre dieses Dutschke-Projekt jenseits aller weltrevolutionären
Proklamationen darauf hinausgelaufen. Aber praktisch lief es auf gar nichts
hinaus, weil es in den europäischen Zentralstaaten keinerlei Bedürfnis
nach so etwas gab, außer eben in der nordirischen, baskischen, korsischen
oder sonstigen Peripherie, wo es freilich gegen London, Madrid oder Paris
ging. Und Feltrinelli, der Pate dieses gesamteuropäischen Guerilla-Netzes,
war in all seinem fanatischen Antiamerikanismus auch nicht gerade der
Typ eines italienischen "Nationalrevolutionärs".
Schon möglich, dass viele "Abhauer" aus der DDR, die im Berliner
SDS angeblich ein Drittel der Mitgliedschaft gestellt haben, beim Widerstand
gegen den Vietnamkrieg stets auch an die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung
gedacht haben. Und nicht nur bei Dutschke wird es wohl jenen Phantomschmerz
eines "Leidens an Deutschland", an "der Eigenartigkeit
des deutschen Volkes", seiner "Geschichtslosigkeit" und
"Identitätslosigkeit" gegeben haben, den Gretchen Dutschke voller
Irritation bei ihrem Mann beobachtet hat.
Aber dieses "Leiden an Deutschland" begann mit der Ignoranz
der eigenen Genossen, die dafür keinerlei Organ hatten! Dutschke fühlte
sich, als er das Thema der "nationalen Frage" in den 70er Jahren
mit offenem Visier wiederaufnahm (bis dahin hatte er darüber nur unter
Pseudonym geschrieben!), in verzweifelter Weise isoliert. Und auch Rabehls
immer wieder bekundetes Gefühl, sich seit der Auflösung des SDS als Einzelgänger
zu fühlen, der mit fast niemandem mehr eine gemeinsame Sprache finden
könne, wurzelte offenkundig in dieser Ausgangsdisposition. Es war die
typische Situation von Vertriebenen, von Emigranten, deren Umwelt von
ihrer Geschichte und ihren Gefühlen nichts hören wollte.
Andererseits griffe es viel zu kurz, die hypertrophen weltrevolutionären
Prospekte, die Dutschke und seine Genossen an ein Berliner "Che-Guevara-Institut"
(alias INFI) und an die globale Schlüsselrolle der Stadt insgesamt knüpften,
als bloße ideologische Vorwände ihrer nationalen Gefühle und Motive zu
bewerten. Wenn etwas deutsch war an dieser Bewegung, dann gerade die umstandslose
Identifikation all dessen, was man tat oder plante, mit den Interessen
der Welt, der Menschheit, der Geschichte. Dieses Schwelgen in supranationalen,
trikontinentalen Großraumperspektiven war ja gerade eine der wichtigsten
Kompensationen für das, was man als "Identitätslosigkeit" bezeichnen
kann.
Kurzum, diese Außerparlamentarische Opposition war so wenig "national"
wie die Bundesrepublik selbst, deren neue Position und Bedeutung gerade
im Atlantischen Bündnis und innerhalb der entstehenden Europäischen Gemeinschaft
lag, die jeweils um sie herum konstruiert waren und deren Eckpfeiler sie
bildete. Und deshalb war die "deutsche Frage", jedenfalls für
uns "Westler" unter den neuen Linken, wenn schon, eine europäische,
eine globale, eine historische Frage. Mag sein, dass Dutschke bei seinen
Ideen einer "Machtergreifung" in Westberlin auch die Vorstellung
antrieb, hier den Hebel einer revolutionären Wiedervereinigung zu finden.
Aber diese war selbst nur als Hebel einer viel größeren weltgeschichtlichen
Aktion, eines Weltumsturzes gedacht. Auch Dutschke wollte schließlich
nicht zur "revolutionären Arbeit" zurück nach Luckenwalde, sondern
hinaus in die USA oder nach Chile.
Das Ganze knüpfte eher schon an den alten Phantasien der deutschen Kommunisten
an, Berlin einmal zur Welthauptstadt einer roten Internationale zu machen,
die sich der Hegemonie der kapitalistischen Mächte des Westens entgegenstellen
würde. Natürlich hatten auch darin handfeste nationale Größenvorstellungen
gesteckt – so wie in allen sozialistischen Staatsgründungen und kommunistischen
Kampfbewegungen des 20. Jahrhunderts. Aber von den herkömmlichen, bürgerlichen
Nationalismen unterschieden sich die kommunistischen Inter-Nationalismen
eben durch die unmittelbare Inanspruchnahme globaler und universaler Titel.
Sie erst machten aus einem jeweiligen (bolschewistischen, maoistischen
oder sonstigen) Führungsanspruch im Innern zugleich einen (russischen,
chinesischen oder sonstigen) Führungsanspruch im Weltmaßstab.
Dieses, schon im frühen "wissenschaftlichen Marxismus" angelegte
und aufgehobene Erbe eines deutschen Suprematismus (der sich den theorie-
und begriffslosen Sozialismen anderer Nationen von jeher überlegen wußte)
fand in der bizarren Theoriewut der neuen deutschen Linken und den übertriebenen
Vorstellungen ihrer historischen Bedeutung ein spätes Revival. Plombiert
werden sollte damit das "schwarze Loch" ihrer gebrochenen Identität,
das durch eine bloße nationale "Wiedervereinigung" niemals zu
füllen war – weshalb es auch nach 1990 immer weiter frißt. In den manischen
Elaboraten des ehemaligen APO-Anwalts und RAF-Terroristen Horst Mahler
– gewiss einer Zentralfigur der ganzen 68er-Szenerie – nimmt dieser nagende
Weltverdruss denn auch wieder die sattsam bekannte Gestalt eines germanischen
Über-"Reichs" an, eines gespensterhaften "Anti-Judäa"
aus religiös verblasenem, hegelianisierendem Geschichtsgeisttum, voller
giftiger Ressentiments und salbungsvoller Gewaltphantasien gegen die Zeitläufte
und das verblendete Menschengeschlecht schlechthin. Kleiner hatten und
haben wir's nun mal nicht.
Der maßgeblichen Arbeit von Johannes Agnoli und Peter
Brückner über "Die Transformation der Demokratie" zufolge war
die NSDAP die eigentliche Vorläuferin der modernen demokratischen Volksparteien,
die in Wirklichkeit Staatsparteien waren, Instrumente der herrschenden
Führungscliquen zur Manipulation der Massen und zur Steuerung der kapitalistischen
Gesamtökonomie. Die "Notstands-Gesetze" hatten die Vorraussetzungen
geschaffen, dass es eines Wechsels des Systems für einen neuen Faschismus
gar nicht mehr bedurfte.
Diese mit großen Theorieaufgeboten vorgetragene hypnotische Behauptung,
hier und heute bereits in einer "autoritären Gesellschaft" und
einem "faschistischen" oder "totalitären Wohlfahrtsstaat"
zu leben, kann ebenfalls als eine Metapher verstanden werden. Gemeint
war die vermeintlich geschlossene Korporation der Älteren und Etablierten,
die sich nach den Erschütterungen der Kriegs- und Nachkriegszeit an ihre
bürgerliche "Existenz" klammerten, "keine Experimente"
wünschten, und nun pauschal als "Establishment" oder "herrschende
Klasse" bezeichnet wurden.
Diese Überzeichnung diente vor allem auch der Dramatisierung der eigenen
Position. So beschrieb Krahl in der zitierten Rede vor Gericht sich selbst
als einen "Verräter" aus der herrschenden Klasse – obschon er
aus brav mittelständischen Verhältnissen in der Provinz stammte, was er
privatim gerne durch Andeutungen kompensierte, ein Abkömmling der Grafen
Hardenberg und ferner Nachfahre von Novalis zu sein. Rabehl zeichnet ihn
als charmanten Hochstapler, "immer den 'verwunschenen Prinzen' spielend,
den Adligen mit dem Glausauge, der sein Monokel nur verlegt hatte".
In ähnlich romantischer Weise erfand sich die rebellische Jugend noch
einmal selbst, indem sie einer "alten" bürgerlichen Welt des
Egoismus und Kommerz, der Ausbeutung und Entfremdung ihre Vorstellungen
von Gemeinschaft, Echtheit, Authentizität, Mündigkeit, Bewusstheit usw.
entgegenstellte. Dabei ist das "revolutionäre Subjekt" soziologisch
kaum recht zu greifen – oder jedenfalls bis heute nirgends genau beschrieben.
Norbert Elias spricht pauschal von einer "jungbürgerlichen"
Revolte, getragen hauptsächlich von den Abkömmlingen der sich erweiternden
Mittelklassen sowie sozialer Aufsteiger aus Arbeitermilieus.
Erwin K. Scheuch hat aus der Nah(kampf)perspektive der Jahre 1968/69 unter
den Sprechern der neuen Linken eine auffällige Häufung alter Adelsnamen
ausgemacht (von Arnim, von Heiseler, von Wachter, von Bredow usw.); zweitens
fand er etliche Abkömmlinge der Industrieprominenz (wie Semler); drittens
die Kinder prominenter Protestanten (von Bismarck) sowie einiger maßgeblicher
SPD-Führer (Brandt, Erler, Mommer, Nevermann u.a.). Natürlich gab es auch
ein Segment der Kinder von Altkommunisten (wie Lederer) oder aus Familien
mit ausgeprägt antifaschistischer oder linksprotestantischer Einstellung
(wie Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof). Ebenso muß es aber zahlreiche
Abkömmlinge aus Familien gegeben haben haben, deren Eltern durch die Nazizeit
belastet waren – und die dies (so wie ich) durch ein entgegensetztes Engagement
kompensieren oder ungeschehen machen wollten. Was noch überhaupt nichts
darüber sagt, ob das familäre Binnenklima scharf autoritär oder eher liberal
(wie bei uns daheim) war.
Die spärlichen zeitgenössischen Untersuchungen, die versucht haben, die
"Einstellungen" der rebellierenden Studenten vor ihrem familiären
Hintergrund empirisch zu erfassen, sind widersprüchlich. Einerseits wurde
festgestellt, daß 60 % der Studenten über Auseinandersetzungen mit ihren
Vätern berichteten und weniger als 40 % die parteipolitischen Präferenzen
ihrer Eltern teilten (ein glatte Halbierung der im Normalfall doppelt
so hohen Quote an politischer Übereinstimmung in dieser Altersgruppe).
Andererseits stellte Klaus Allerbeck auf Basis einiger Erhebungen fest:
"Studenten aus politisch liberalen und linken Elternhäusern unterstützen
die Studentenbewegung wesentlich häufiger als Studenten, deren Eltern
politisch konservativ sind." Und auch Scheuch befand: "Der Protest
wird umso wahrscheinlicher, wenn ein Jugendlicher in einem Elternhaus
aufwuchs, in dem irgendwelche universalistischen Prinzipien (um unseren
Jargon zu benutzen) verbal trainiert wurden". Beide Autoren verwarfen
von hier aus des Paradigma des "Generationskonfliktes" – den
sie damit allerdings bei weitem zu eng definierten, nämlich als einen
unmittelbaren Konflikt zwischen Eltern und Kindern, statt als einen Konflikt
gesellschaftlicher Alterskohorten. So folgte eben auch das verbale Trainieren
"universalistischer Prinzipien" im Elternhaus (mir nur zu geläufig)
in aller Regel einer Dynamik des Überbietens. In der Unschuldsrhetorik
der frühen Revolte ging es immer wieder um die "uneingelösten"
Versprechen der demokratischen Grundordnung oder der sozialen Chancengleichheit.
In einem atemberaubendem salto verbale konnte daraus dann in Nullkommanichts
eine Rhetorik des Umsturzes werden. Tertium non dabitur.
Eine Schwierigkeit jeder genaueren kultursoziologischen Beschreibung
dürfte im übrigen darin liegen, dass sich der politisierte Bewegungskern
in allerkürzester Zeit radikal ausdehnte und sozial verwandelte, eben
weil er Teil eines massenhaften Zustroms zu den Gymnasien, Hochschulen
und Universitäten war. Auch war es ökonomisch verhältnismäßig leicht,
in der "temporären Subversivstellung" (Dutschke) eines Studenten
zu verharren, real oder nur pro forma. Man fand in diesen Jahren der weitgehenden
"Vollbeschäftigung" immer Jobs, auch wenn das ein karges proletaroides
Leben war, von dem aus selbst die Facharbeiter mit ihren Autos und Reihenhäusern
sich schon als saturierte Spießer und Besitzbürger darstellen konnten.
Andererseits konnte es in einigen wichtigen Bereichen, etwa im Umfeld
der neuen, großen Kulturindustrien und öffentlich-rechtlichen Medienanstalten
oder im Bereich der sprunghaft sich ausdehnenden Bildungseinrichtungen
und Universitäten, auch schon vorteilhaft sein, Teil des APO-Milieus zu
sein, das sich dort genauso festsetzte und alimentierte, wie es die Leute
mit christ-, frei- oder sozialdemokratischem Parteibüchern auch taten.
Man kann das von heute aus ohne Häme, als einen Faktor der Ausdehnung
und Verstetigung der Bewegung im Zuge der allgemeinen Klientelisierung
vieler gesellschaftlicher und staatlicher Bereiche, konstatieren.
Was als radikale Jugendbewegung erscheint, war alles
in allem wohl nur die sichtbar agitierte Oberfläche einer viel breiter
angelegten und tiefer greifenden gesellschaftlichen Umschichtungsbewegung
und Aufwärtsmobilisation. Zugleich war es die Zeit gravierender massenkultureller
Innovationen, die die alltäglichen Lebens- und Sozialisationsweisen der
Gesellschaft massiv veränderten. Und dann war es, zwei Jahrzehnte nach
dem "Zivilisationsbruch" des Dritten Reiches und dem militärischen
und politischen Zusammenbruch von 1945, die Periode, in der sich ein neuer
sozialer Habitus in den beiden deutschen Gesellschaften ausbildete. Es
war, nach dem Mauerbau, ein halb der Not, halb dem eigenen Drang gehorchendes
Sicheinrichten in einem jeweils eigenen, neuen Gemeinwesen, das auf unabsehbare
Zeit seine äußere Gestalt und Verfassung – so schien es – nicht ändern
würde, und umso mehr darauf verwiesen war, sich in den jeweiligen Militärbündnissen
und Wirtschaftsgemeinschaften zu integrieren. Das alles fiel im Bedürfnis
weitreichender innen- und außenpolitischer Neuorientierungen zusammen.
Insoweit konnten die radikalen Jugendproteste sich von vielerlei historischen
Überfälligkeiten und kulturellen Latenzen getragen fühlen, die nur eines
radikalen Anstoßes bedurften, um sich Bahn zu brechen. Aber zugleich trugen
sie, wie wir im folgenden noch sehen werden, auch schon manche Züge einer
heftigen Reaktion und eines fanatischen Widerstandes gegen diese Zeitströmungen.
So war diese Bewegung hedonistisch und puritanisch, progressiv und regressiv,
egalitär und elitär, modernistisch und kulturpessimistisch zugleich. Sie
fühlte sich höchst antiautoritär und war doch entschieden autoritär. Sie
war auf Individualisierung aus und frönte dem Kult der Gemeinschaft. Sie
forderte Zärtlichkeit und Partnerschaft zwischen Mann und Frau, Eltern
und Kindern und förderte erotische Segregation und emotionalen Autismus.
Sie propagierte Autonomie und Selbstbestimmung des Individuums und fetischisierte
revolutionäre Organisation und Disziplin. Sie gab sich unheroisch-pazifistisch
und huldigte dem krudesten revolutionären Heroismus. Sie gebärdete sich
radikal internationalistisch und ließ diskreten nationalen Ressentiments
manchen freien Raum. Sie rühmte sich ihres militanten Antifaschismus und
fühlte sich bald schon frei zum aggressivsten "Antizionismus".
Sie schwelgte in emphatischem Mondialismus und erging sich in obsessioneller
deutscher Selbstbezüglichkeit. Sie war schwärmerisch kosmopolitisch und
zugleich provinziell bis lokalpatriotisch. Sie appellierte an imaginäre
Massen und befleißigte sich exklusiver Geheim-sprachen. Sie arbeitertümelte
oder volkstümelte heftig und suchte die Geborgenheit der eigenen, geschlossenen
Gruppe.
Man könnte lange fortfahren. Diese Antithesen verhalten sich aber nicht
einfach wie ideologischer Schein und nüchterne Realität, sondern sie gehören
auf schwierige Weise zusammen. Es geht um die zwei (oder die vielen) Gesichter
und um die tiefen Ambivalenzen ein- und derselben Bewegung, die sich auf
keinen einfachen Nenner bringen lässt. Gerade diese radikale Widersprüchlichkeit
der Motive und Antriebe setzte sie erst mit dem größeren "Rumor einer
Nation" in Verbindung, dem sie expressiven Ausdruck gab und als Katalysator
diente.
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